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Leben im Bauwagen
Dort, wo sich einst der Todesstreifen erstreckte, entlang der innerdeutschen Grenze zwischen Landwehrkanal und Lohmühlenstraße, befindet sich heute eine Naturoase. Die Bauwagensiedlung Lohmühle. Teilweise zwischen hochgewachsenen Gräsern und Bäumen versteckt stehen die Bauwagen, LKW und Busse.
Kleine Pfade schlängeln sich durch den Wildwuchs.
Schornsteine und Masten mit Solarkollektoren ragen in den Himmel. Wäsche, die an zwischen den Bäumen gespannten Leinen hängt. Zwei Stühle und ein Tisch, auf dem noch Tassen und Gläser vom Frühstück stehen geblieben sind. Dinge, die davon zeugen, dass sich Menschen hier häuslich niedergelassen haben. Während manche Wagen mit Grafitis verziert sind ähneln andere futuristischen Objekten. Marke Eigenbau. Kreative Köpfe und handwerklich begabte Leute waren hier am Werk.
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Die einzigen erkennbaren Grenzen sind Steinhaufen, mit denen kleine Beete eingefriedet sind. Ansonsten gibt es keine Zäune oder Hecken in dieser Idylle im Grünen. Warum auch?
Ein Tümpel und Entengrütze, deren intensives Grün in der Abendsonne leuchtet. Nicht weit davon eine alte, ausgediente Badewanne, die scheinbar herrenlos neben einer Pumpe steht und auf Benutzung wartet.
Vor dem Eingang eines der Wagen liegt eine Katze und schaut gelangweilt herüber.
Auf einem Plakat ist zu lesen: Ordnungsamt Fuck off – Die Stadt sind wir alle. Eine eindeutige Botschaft. Dahinter steht die Bekenntnis zu einem besonderen Lebenskonzept.
Die Bewohner, die aus allen Schichten der Gesellschaft kommen (Angestellte, Arbeitslose, Selbständige, Schüler und Studenten), verzichten auf öffentliche Strom- und Wasseranbieter, um ihre Autonomie im Rahmen der Gegebenheiten zu bewahren.
So wird beispielsweise das Abwasser in einer eigenen Pflanzenkläranlagen entsorgt, der Strom mittels Solaranlagen und Windrad gewonnen. Die Gärten sind kleine Ökosysteme, in denen Gemüse für den Eigenverbrauch angebaut wird.
Im Laufe der Jahre wurden Toiletten gebaut, Wege angelegt und gepflanzt. Die Lohmühle wuchs und entwickelte sich zu einem anerkannten Kulturprojekt. Es entstand eine Bühne für Veranstaltungen. Cafes, Konzerte, Workshops, Kino und Ausstellungen haben mittlerweile ihren festen Bestandteil im Konzept des Vereins „Kulturbanausen e.V. , welcher die Interessen des Wagendorfs Lohmühle vertritt.
Die Lohmühle betrachtet sich selbst als öffentliches Projekt und heißt Gäste herzlich willkommen.
Wie kann man sich das Leben in der Wagesnsiedlung vorstellen?
Natürlich ist es nicht so bequem, wie in einer Mietwohnung. Die Bewohner sind für alles selbst verantwortlich. Wasser, Strom, Wärme. Wenn im Winter über Nacht der Ofen ausgeht, kann es verdammt kalt und der Gang zur Toilette zu einem Abenteuer werden.
Und wenn das Dach kaputt ist, dann ist man selbst gefragt, wie bei allen Reparaturen sonst auch.
Den Kühlschrank ersetzt ein metertiefes Erdloch, das die Lebensmittel frisch hält.
Bei Kerzenschein zu lesen oder die Gieskannendusche zu benutzen sind ganz neue Erfahrungen. Ebenso wie Igel und Ente durchs Gebüsch watscheln zu sehen.
Kurz gesagt: die Natur mit all ihren Jahreszeiten bewusster mitbekommen.
Was das Leben im Wagendorf so besonders macht, darüber sagen die Lohmühlener selbst:
- … die Stammkneipe direkt vor der Haustür,
- … spielende Hunde, schlafende Katzen, hüpfende Karnickel, grabende Würmer,
- … sich nicht zu wundern, wenn Du Deine Lieblingstasse nach Ewigkeiten des Entbehrens plötzlich in der Hand Deines Nachbarn wieder entdeckst und der sich schon immer wunderte woher die eigentlich kommt,
- … morgens auf dem langen Weg zum Plumpsklo viel zu vielen Menschen zu begegnen,
- … jederzeit zum Nachbarn rüberwackeln zu können, um sich Tee zu schnorren,
- … die Umsetzung der aristotelischen Idee, dass der Mensch nur in der Gemeinschaft existieren kann,
- … Staubwolken, wenn jaulende Hunde zum Hundefuttermann rennen,
- … immer jemanden zum Zutexten zu haben,
- … dass Deine Mitbewohner mehr von Dir mitbekommen, als Dir manchmal lieb ist,
- … dass Du Rückhalt hast,